„Diskutiere nie mit Pubertierenden!“ war der Ratschlag, den ich erhalten habe, als ich anfing, mir über die bevorstehende Pubertät meiner drei Kinder Gedanken zu machen.

Zu Anfang meiner Elternschaft gab es auch viele gutgemeinten Ratschläge, z.B. es doch mit Schlaftraining zu versuchen oder „schlechtes Benehmen“ mit Konsequenzen gleich richtig zu erziehen. So wie damals fühlte sich auch dieser Ratschlag nicht stimmig an und es macht mir immer wieder zu schaffen, zu erfahren, wie wenig Wertschätzung es gegenüber jungen Menschen und ihrer Entwicklung gibt. Ich bin überzeugt, es gibt andere, wertschätzende Wege.

Ich habe drei jugendliche Kinder. Es kommt mir vor wie gestern, wie sie alle in den lustigsten Konstellationen stets an mir klebten (so etwa wie Koalas am Baum :-)). Heute muss ich mich nicht mehr hinknien, um mit ihnen auf Augenhöhe zu stehen. Wenn mein Sohn und ich uns umarmen, liegen seine Arme oben. Im Familienbett ist heute ganz viel Platz. Im Wohnzimmer ist seltener Getümmel. Es ist häufig ungewöhnlich still.

Dann tummeln spätestens zum Essen alle an den Tisch. Es wird erzählt, gescherzt – und viel diskutiert. Die Themen sind ein wildes Durcheinander. Ich staune täglich über das allgemeine und sonstige Wissen, das meine Kinder sich aneignen. Sie haben zu jedem denkbaren Thema Wissen und eine eigene Meinung, die sie mit überzeugenden Argumenten verteidigen können. Was ich meine, zu wissen oder zu denken, wird unter die Lupe genommen und von allen Seiten kritisch befragt. Es finden bunte und lebendige Gespräche statt!

Ich finde, wir sollten viel mehr mit Kindern diskutieren, insbesondere in der Pubertät. Warum ich das denke und warum ich es geniesse, mit meinen jugendlichen Kindern zu diskutieren, erzähle ich dir hier.

1. Plötzlich ist die Pubertät da – so bleiben wir in Verbindung

Ich höre, wie Eltern das Jugendalter und die Pubertät mit Argwohn betrachten, wie sie Angst vor endlosen Diskussionen, Augenrollen, knallenden Türen und Beschimpfungen haben – und davor, dass die Kinder womöglich entgleiten. Auch vor dem Versagen als Mutter oder Vater „im Endspurt”.

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, ernten wir das, was wir in der bisherigen Erziehung bzw. Beziehung zu unseren Kindern gesät haben. Süßes so wie Bitteres. Das kann hart sein!

Insbesondere weil wir als Eltern doch immer unser Bestes tun, mit dem Wissen und den Ressourcen, die wir haben. Vielleicht haben wir uns auf die Reise Richtung mehr Bindung und Beziehung, friedvolle Elternschaft gemacht. Und gleichzeitig ist Elternsein zum großen Teil „learning by doing”.

Noch nie habe ich so viel über mich selbst gelernt, wie in den letzten 14 Jahren mit und von meinen Kindern. Und es gibt einiges, was ich heute anders machen würde, würde ich die Zeit zurückdrehen können.

Auch wenn das nicht geht, es ist nie zu spät!

Du kannst auch in der Pubertät die Weichen immer noch neu setzen: für die Beziehung zu deinen Kindern.

In der Pubertät ändert sich die Beziehung. Die Kinder sind nicht mehr einfach da, um uns herum, sie ziehen sich mehr zurück. Die Momente, in denen sie den Kontakt zu uns suchen, werden weniger und vor allem entscheiden sie den Zeitpunkt selbst, wann sie den Kontakt zu uns wollen oder brauchen.

Dabei ist es wesentlich, dass wir gerade im Jugendalter, wenn unsere großen Kinder sich abgrenzen und ablösen, in Kontakt bleiben.

Wie bleibe ich mit meinem Kind in Verbindung in der Pubertät?

Wenn dein Kind kommt und den Kontakt sucht, empfange es mit einladendem Blick, offenen Armen und einem Lächeln!

Auch dann, wenn es nicht wirklich passt. Auch dann, wenn dein Blick und dein Lächeln nicht erwidert werden. Auch dann, wenn eine Stunde früher dein eigener Kontaktversuch zurückgewiesen wurde und du dich abgelehnt fühlst.

Wenn ein Kind den Raum betritt, leuchten deine Augen auf? Das ist es, wonach es sucht.

– Toni Morrison

Wenn dein Kind mit dir sprechen möchte, sei da. Lasse dich auf Diskussionen ein. Die Gespräche, die wir mit unseren jugendlichen Kindern in der Pubertät führen, sind so wertvoll.

2. Konflikte schaffen Verbindung und stärken die Beziehung

Ich mag keinen Zoff mit meinen Kindern. Wirklich nicht.

Als Kind habe ich Streit als etwas Gewaltvolles und Destruktives erfahren, was zur Trennung führt. Als junge Erwachsene habe ich deswegen Konflikte möglichst vermieden, mich selten getraut, meine Meinung zu sagen und war sehr darum bemüht, nirgendwo anzuecken – auch wenn es mir selbst dabei nicht gut ging.

Als Mutter einer Großfamilie ging das dann nicht mehr. Fünf verschiedene Menschen mit eigenem Willen, unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen und Meinungen. Das Familienleben ist lebendig – und konfliktreich!

Konflikte gehören dazu.

Ich durfte lernen, dass Konflikte dazu gehören. Dass es möglich ist, Konflikte friedvoll, konstruktiv und in Verbindung zu lösen. Auch dass friedvoll nicht gleich konfliktfrei ist.

Ein Konflikt bedeutet erstmal nur, dass zwei Menschen verschiedener Meinungen sind, unterschiedliche Wünsche oder Bedürfnisse haben. Da ist erstmal nichts Destruktives oder Trennendes. Im Gegenteil: Konflikte bieten die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen, etwas über einander zu erfahren.

Sich gesehen und gehört fühlen schafft Verbindung

So entsteht ein vertrauensvoller Raum, der gerade mit jugendlichen Kindern so wertvoll ist. Allein zugehört zu werden wirkt deeskalierend.

In Verbindung mit uns können Kinder sich uns mit ihrem Ärger, Trauer, Sorgen, Ideen, Wünschen und Bedürfnissen anvertrauen – auch dann, wenn mal was schief läuft und sie unsere Hilfe brauchen. In Verbindung können wir Rückmeldungen geben, fragen, ob sich unser Kind unsere Gedanken, Erfahrungen und Meinungen hören möchte.

Zuwendung statt Zustimmung

Meine Erfahrung ist, dass auch jugendliche Kinder in der Pubertät dafür offen sind, zu hören, was wir denken, wenn sie sich mit ihrem eigenen Anliegen gehört, ernstgenommen und verstanden fühlen. Was nicht heißt, dass sie dann Einsicht zeigen, bereit sind Kompromisse einzugehen oder nach unserer Vorstellung zu handeln – und gleichzeitig haben sie uns gehört.

Sie lernen, wie sie sicher den eigenen Standpunkt vertreten können, dass es ok ist, unterschiedlicher Meinung zu sein und dass das nicht zwingend zum Beziehungsverlust führt.

3. Verbindung ist der beste Schutz

In der Pubertät beschäftigt auch mich als Mutter das Loslassen – und dazu die Frage, wie wir unsere jugendlichen Kinder sicher in die Welt gehen lassen.

Eine vertrauensvolle Beziehung ist der beste Schutz. Jugendliche, die eine starke Verbindung zu ihren Eltern haben, sind weniger anfällig für Sucht und suchen die Erfüllung ihrer Bedürfnisse nach Autonomie und Abgrenzung seltener mit Dingen, die ihnen selbst schaden.

Darum bin ich dafür, dass wir mehr mit jugendlichen Kindern ins Gespräch gehen und diskutieren. Diskussionen müssen nicht sinnlos oder endlos sein. Im Gegenteil: wenn wir wertschätzende Dialoge führen, bleiben wir in Verbindung, bauen Vertrauen auf und stärken die Beziehung.

4. Ich erfahre etwas über mein Kind

Es gilt leider als normal, abwertend oder abweisend über die Jugend zu sprechen: „Pubertiere halt!”, „Wegen Umbau geschlossen!”.

Ideen, wie Jugendliche sind oder zu sein haben in der Pubertät, sind weit verbreitet. Deutlich wurde es kürzlich in der Kritik an Fridays for Future welcher undifferenzierter Blick es auch in heutiger Zeit auf die Jugend gibt.

Ich empfinde das als großes Unrecht – und eine verpasste Chance.

Dazu ziehen sich Jugendliche in der Pubertät mehr zurück (vielleicht auch deswegen, weil sie erfahren, dass sie nirgendwo zugehören?). Sie machen viel mit sich selbst aus, wollen sich abgrenzen und eigene Erfahrungen machen.

So ist es gar nicht mehr so leicht, zu erfahren, wer unsere großen Kinder sind, wer sie sein wollen, was sie interessiert, bewegt und beschäftigt, was sie denken, fühlen, sich wünschen oder brauchen.

Es ist so wertvoll, sich von den gesellschaftlichen und eigenen Vorstellungen zu lösen und hinzuschauen. Wer ist dein Kind, das vor dir steht?

Wenn Jugendliche mit uns diskutieren, erfüllen sie ihre Entwicklungsaufgabe

Die Pubertät ist eine sensible Phase, in der vor allem die individuelle Entwicklung des Selbstbilds und des Selbstwerts im Vordergrund steht.

Dazu gehört ganz viel Ausprobieren:

  • Wie finde ich meine Stimme, wie äussere ich meine Meinung?
  • Wie reagieren andere auf mich, werde ich gehört und gesehen?
  • Was passiert, wenn andere eine andere Meinung haben?
  • Was ist, wenn ich etwas will und die anderen nicht – oder wenn andere etwas wollen, was ich nicht will?

Wenn wir Interesse an Jugendlichen zeigen, bereit sind, sie zu empfangen, mit ihnen Gespräche zu führen und zu diskutieren, stärkt das ihren Selbstwert: ich werde gesehen und bin es wert, ernstgenommen zu werden, ich gehöre dazu und werde angenommen, so wie ich bin.

5. Ich erfahre etwas über mich selbst

Ich gebe zu. Manchmal ist es unangenehm in Diskussionen mit meinen Kindern den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ich darf erfahren, wie es für sie ist, mit mir in Kontakt zu sein, mit mir einen Konflikt zu haben und zu diskutieren.

Inzwischen bekommen ich klare Rückmeldungen von meinen Kindern, wenn ich dabei bin, z.B. einen Monolog zu halten (wir sind uns einig, dass da noch Verbesserungspotenzial ist ;-)) oder nicht gut zuhöre und sie sich nicht gehört oder verstanden fühlen. Das kann erstmal schmerzhaft sein, doch auch hier ist die Chance, etwas über mich selbst zu erfahren:

  • Wo war ich übergriffig und wie kann ich wieder Verbindung schaffen?
  • Warum war ich gerade nicht so aufmerksam oder zugewandt?
  • Warum war es mir gerade so wichtig, dass ich mit meinen Gedanken und Meinung gehört werde, dass ich monologisiere?
  • Warum fällt es mir gerade schwer, mein Kind zu sehen und anzunehmen, so wie es ist?
  • Welche Gedanken (Sorgen, Ängste..) habe ich? Welches Bedürfnis?
  • Wie waren Konflikte und solche Gespräche oder Themen mit meinen Eltern in der Pubertät? Wie habe ich mich da gefühlt? Was hätte ich damals gebraucht?

Ich darf erfahren, was meine Themen sind – und sie dann für mich anschauen.

Sei der Mensch, den du gebraucht hättest, als du jünger warst.

– Ayesha Siddiqi

Meine eigene Erfahrung mit Streit und Konflikten in der Kindheit spiegelt sich heute z.B. sowohl im persönlichen (Selbstwert, Angst um Beziehungsverlust) als auch im professionellen Bereich (als „Content-Ängst„, meine Unsicherheit in den sozialen Medien sichtbar zu werden – und als „Imposter-Syndrom“).

Durch die Diskussionen mit meinen Kindern darf ich immer mehr über mich selbst erfahren, meine Themen kennenlernen, reflektieren und mich weiterentwickeln – und zu dem Elternteil werden, den sie in der Pubertät an ihrer Seite brauchen.

Das ist ein großes Geschenk!

6. Elternsein geht weiter – nur anders

Die Kinder werden größer und selbstständiger – und was mache ich jetzt?!

So oft habe ich in den Kleinkindjahren mich nach ein paar Minuten Zeit gesehnt – nur für mich, zum Durchatmen, zum Auftanken, um einen Gedanken zu Ende zu denken.

Auf einmal ist sehr viel Zeit für mich zum Nachdenken da. Darüber, wie ich meine Elternschaft gelebt habe. Zur Dankbarkeit für diesen Weg, der mir so viel Liebe, Verbindung und Beziehung zu meinen Kindern ermöglicht hat. Zur Reflexion über die Dinge, die ich heute anders machen würde. Zum Loslassen, zum Trauern und zum Verzeihen.

Eltern erzählen mir, wie sie fürchten, „abgeschrieben“ zu werden, wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen. Tatsächlich brauchen meine Kinder mich für viele alltägliche Dinge nicht mehr. Doch als Eltern spielen wir weiterhin eine ganz wichtige Rolle für unsere Kinder – nur anders.

Elternsein mit großen Kindern ist ein Dialog.

Wir bewegen uns hin und her zwischen Autonomie und Verbundenheit, Loslassen und Halt, Nähe und Distanz, Sparringspartner und Verbündete und immer mehr Zuwendung statt Zustimmung.

7. Wir setzen die Weichen für das künftige Miteinander – und für eine friedvollere Welt

Miteinander sprechen und diskutieren.

Sich ernst nehmen.

Sich wertschätzen, sehen und hören.

Erfahren, dass Konflikte sein dürfen, ohne die Verbindung zu verlieren oder die Beziehung zu gefährden.

Erfahren, dass ich für meine Familie wertvoll bin, auch wenn ich gerade unsicher, viel mit mir selbst beschäftigt bin und den eigenen Weg gehen will.

So wünsche ich mir mein Zuhause mit meinen jugendlichen und dann irgendwann erwachsenen Kindern. Ein Ort, an den sie sich willkommen, geliebt und verstanden fühlen, an den sie gerne zurückkehren.

Liebe ist Autonomie und Verbundenheit.

Wie wir mit jugendlichen Kindern in Kontakt sind, tragen sie mit sich weiter in die Welt hinaus.

Erziehung prägt Gesinnung:

Wer dazugehört, heißt andere Willkommen.

Wer sich gehört, gesehen und verstanden fühlt, wird zur Empathie fähig.

Wer einen gesunden Selbstwert hat, sucht nicht Selbstbestätigung im Autoritarismus (engl.).

Jetzt bin ich neugierig: Wie geht es dir mit deinen großen Kindern zu Hause? Wie bleibt Ihr in der Pubertät miteinander in Verbindung? Was hast du für Erfahrungen? Schreib mir gerne in die Kommentare!

Dieser Blogartikel ist im Rahmen der Blog-Challenge #BoomBoomBlog von Judith Sympatexter Peters im April 2021 entstanden.

Beitragsbild von HayDmitriy