Junge schaut genervt und hat die Finger in den Ohren

„Keine Diskussion!”, „Ich habe hier das Sagen!“

Kennst du?

Vielleicht hast du als Kind diese Sätze gehört oder deinen Kindern gegenüber schon mal gedacht – oder gesagt.

Vielleicht waren das die Sätze, die du niemals deinem eigenen Kind sagen wolltest.

Ich finde, Diskussionen mit Kindern sind wichtig und wertvoll – und ich finde, diskutieren mit Kindern hat einen schlechten Ruf: Diskutieren mit Kindern ist anstrengend und unbequem, kostet (zu viel) Zeit und wird häufig als „sinnlos” oder „endlos” erlebt. 

Das finde ich schade. In Diskussionen können Eltern und Kinder sehr viel voneinander profitieren und sie tun der Beziehung gut. Dazu braucht es ein Umdenken: eine konstruktive Streitkultur mit mehr Dialog statt sinnlosen oder endlosen Diskussionen. 

Ich finde, wir sollten mehr mit Kindern diskutieren, statt Diskussionen zu vermeiden.

Konflikte sind der „Lackmustest” einer Beziehung

Viele Eltern wollen heute anders mit ihren Kindern in Beziehung sein: nicht autoritär, mehr bedürfnis- und bindungsorientiert, friedvoll. Sie wollen mehr auf ihre Kinder eingehen, ihre Kinder miteinbeziehen und mitbestimmen lassen.

Wenn Kinder sich dann so verhalten, wie Eltern sich das vorstellen, so weit so gut ;-)

Konflikte in Verbindung lösen ist nicht so leicht.

Die großen Gefühle der Kinder können schwer auszuhalten sein. Oft wissen Eltern nicht weiter, wenn Kinder keine Einsicht zeigen oder nicht kompromissbereit sind.

„Ich habe ihm gesagt, dass er wütend sein darf, ich habe gespiegelt und erklärt, warum das nicht geht und dass wir eine Alternative finden – aber er akzeptiert trotzdem nicht mein Nein!”

Da ist, finde ich, der Haken, wenn es um Konflikte mit Kindern geht. Der Wunsch, Konflikte demokratisch zu lösen, ist ja toll. Doch Kinder sind nicht erwachsen. Auch wenn wir eine Gleichwertigkeit in der Beziehung anstreben, als Erwachsene haben wir die Verantwortung und letztendlich auch die Macht.

Ob und wie wir diese beiden Aspekte unterscheiden und verstehen können, beeinflusst unsere Haltung und wie wir mit Konflikten mit Kindern umgehen.

So haben Eltern das Gefühl in die solchen „sinnlosen” oder „endlosen” Diskussionen zu geraten, vor denen in Erziehungsratgebern ausdrücklich gewarnt wird: Eltern dürfen sich nicht „weichklopfen” lassen. Kinder brauchen Grenzen. Kinder müssen lernen, dass es im Leben Dinge gibt, die einfach sein müssen. Doch wenn Eltern sich Verbindung und eine starke Beziehung zu ihrem Kind wünschen, bleibt es wichtig, in Kontakt zu bleiben.

Klare Ansagen zu machen und sich nicht auf den Konflikt oder das Kind einzulassen, lässt das Kind allein mit seinen Gefühlen und Anliegen.

Warum sind Konflikte mit Kindern so schwer auszuhalten?

Ich verstehe den Wunsch, dass dein Kind einmal machen soll, was du sagst!

Schliesslich bemühst du dich, es richtig zu machen. Du bist zugewandt, suchst Lösungen, gehst auf die Bedürfnisse deines Kindes und auf Kompromisse ein.

Wenn Kinder aus der Zusammenarbeit aussteigen und große Gefühle haben – und das mehrmals am Tag – ist es eine Riesenherausforderung, sie wertschätzend zu begleiten – und häufig auch eine Überforderung.

Du hast keine Geduld mehr, fühlst dich provoziert und bist am Ende mit deinem Latein!

Vielleicht fragst du dich, ob das alles noch normal ist, stellst dich selbst und euren beziehungsorientierten Weg in Frage.

Bei der Vorstellung, die Kinder noch einmal bei Wut oder im Konflikt zu begleiten, fehlt irgendwann die Wertschätzung. Nochmals eine Diskussion erscheint dann nur noch „sinnlos” oder „endlos”.

Aus Unsicherheit und Überforderung werten wir uns selbst und unsere Kinder ab.

Eltern fehlen oft die eigene Empathieerfahrung, das Vorbild für konstruktive Konfliktlösung sowie eine eigene Konfliktfähigkeit.

Auch wenn wir es anders machen wollen, fehlt in Konfliktsituationen häufig schlicht die Erfahrung und das Vorbild.

Wir wissen oft nicht, wie eine friedvolle und wertschätzende Streitkultur aussieht, haben selbst nicht erfahren, dass wir mit unseren Gefühlen und Anliegen gesehen und ernstgenommen wurden.

Vielleicht durften wir keine Stimme haben, mussten um Zuwendung kämpfen, laut werden und uns über andere stellen, um gesehen und gehört zu werden. Manchmal vermeiden wir deswegen Konflikte und scheuen Diskussionen komplett.

Konflikte gehören dazu

Im Familienleben gehören Konflikte einfach dazu. Dort wo mehrere Individuen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen zusammenleben, wird es Konflikte geben. In Konflikten geht es darum, das Miteinander zu gestalten.

Entscheidend dabei ist nicht, dass es irgendwann keine Konflikte mehr gibt, sondern die Art und Weise, wie wir miteinander streiten und Konflikte lösen. Auch welche Beziehung wir uns zu unseren Kindern wünschen, welche Stimmung im Familienalltag.

Konflikte verbinden. Wenn wir in Konflikten mit Kindern ihnen mit Interesse, wohlwollend und unvoreingenommen begegnen, mit dem Ziel sie erstmal nur verstehen zu wollen, schafft das Verbindung.

Diskussionen mit Kindern sind nicht sinnlos

Wenn es im Leben mit Kindern darum geht, ein schönes Miteinander zu gestalten, halte ich Diskussionen für durchaus sinnvoll. So erfahren wir, was den Kindern und uns gemeinsam wichtig ist, können Anliegen an- bzw. besprechen.

Eine Diskussion ist ein Gespräch. Wenn wir Gespräche mit Kindern als sinnlos erfahren, hat es etwas mit der eigenen Erwartungshaltung und Zielen zu tun.

  • Gehe ich in das Gespräch mit der Erwartung, dass mein Kind Verständnis für mich zeigt und einsichtig wird?
  • Ist es mein Ziel, dass mein Kind meine Entscheidung oder Meinung – ohne Wut und Widerstand – akzeptiert?
  • Stelle ich mir das Gespräch so vor, dass vor allem ich spreche, meine Position erkläre und begründe – und mein Kind hört zu?
  • Oder gehe ich in das Gespräch mit der Bereitschaft meinem Kind zuzuhören, weil ich verstehen will, was es denkt, fühlt und braucht.

Ein Konflikt bedeutet erstmal nur, dass wir unerfüllte Bedürfnisse haben und unterschiedliche Meinungen oder Wünsche, wie diese erfüllt werden könnten.

Zu sinnlosen Diskussionen werden solche Gespräche dann, wenn es nicht um einen Dialog geht, nicht darum zuzuhören, ernst zu nehmen und verstehen zu wollen.

Hör dir ernsthaft alles an, was deine Kinder dir erzählen wollen, egal was. Wenn du bei den kleinen Dingen nicht zugewandt zuhörst, wenn sie klein sind, werden sie dir die großen Dinge nicht erzählen, wenn sie groß sind. Denn für sie war alles schon immer ein großes Ding.

– Catherine M. Wallace

Aber mit einem Kleinkind kann ich doch nicht diskutieren?!

Wie viel wir mit Kleinkindern ein Gespräch führen können, hängt davon ab, wie viele Worte sie bereits haben und sprechen können. Mit einem 5-jährigen wird ein Gespräch vielleicht gut möglich sein. Mit einem 2-jährigen eher schwierig. Und gleichzeitig ist es wichtig, auch in Konflikten mit Kleinkindern in Kontakt zu sein.

Wie wir mit Kleinkindern in Konfliktsituationen in Kontakt sind, hat einen anderen Charakter.

Aufgrund der Hirnentwicklung erreichen wir Kleinkinder vor allem über ihre Gefühle.

Das kognitive Gehirn ist noch nicht so weit entwickelt, dass sie unsere Erklärungen, Argumente oder Begründungen verstehen oder verarbeiten können. Dafür fühlen sie, wenn ein Bedürfnis nicht erfüllt ist oder sie gekränkt sind, und teilen sich über ihre Gefühle mit.

In Konflikten mit Kleinkindern ist es unsere Aufgabe, in Kontakt zu sein und zu co-regulieren: Gefühle zuzulassen, sie zu verbalisieren, ggf. zu spiegeln, da zu sein und sie (aus-) zu halten.

Auf Einsicht oder Verständnis zu hoffen oder zu erwarten, dass sie aufgrund unserer liebevollen Erklärungen oder Begründungen ihre Gefühle abstellen, hilft leider nicht weiter.

Diskussionen mit Kindern müssen nicht endlos sein, oder: Verbindung lässt sich nicht nach der Uhr stellen

Diskussionen sind gelebte Beziehung – und die leben wir nicht nach der Uhr. Ob wir eine Diskussion als endlos erfahren, ist subjektiv und individuell. Wann ist eine Diskussion zu Ende? Was ist das Ziel? Wie viel Zeit bin ich bereit zu investieren oder habe ich zur Verfügung?

In meiner Erfahrung wird eine Diskussion als endlos empfunden, wenn die Gefühle des Kindes oder den Konflikt schwer auszuhalten sind.

Doch Verbindung lässt sich nicht nach der Uhr stellen. Manchmal ist ein zugewandtes Gespräch selbst die Lösung: die Zuwendung und Verbindung, die das Kind braucht.

Unter Diskussion verstehe ich keinen elterlichen Monolog, sondern einen Dialog. Bei einem Dialog geht es nicht ums Gewinnen, überzeugen oder Recht haben, sondern um verstehen wollen und Wertschätzung.

Kinder wollen mit uns zusammenarbeiten und das können sie am besten, wenn ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllt sind, auch nach gehört und gesehen werden. Die Grenzen des Lebens sind nun mal da und manchmal können oder wollen wir erstmal einem Wunsch nicht nachkommen.

Wenn wir dann für ihren Frust Raum und ein offenes Ohr bieten, können wir erfahren, wie wichtig der Wunsch für unser Kind ist, welches Bedürfnis dahinter steckt und gemeinsam überlegen, welche mögliche Lösungen es gibt.

Endlos werden Diskussionen, wenn wir sie nicht „lösungsfrei” führen und eine feste Erwartung haben, wie sie ausgehen sollen.

Dann ist die Diskussion kein Dialog mehr, sondern ein Machtkampf, der geführt wird, bis das Kind einsichtig wird und die Entscheidung oder Sichtweise der Eltern – am besten ohne Wut und Widerstand – „akzeptiert“. Im Machtkampf gibt es jedoch keine Gewinner und der Verlierer ist immer die Beziehung.

Mein Ziel im Dialog mit meinen Kindern ist, dass ich zuhöre, zu verstehen versuche und in Verbindung bleibe.

Dabei heißt verstehen ja nicht zwingend einverstanden sein. Und wichtig ist, was ankommt. Ich kann mich auch so lange bemühen, auf mein Kind einzugehen und zu verstehen. Wenn es sich trotzdem nicht verstanden fühlt, braucht es mehr Raum – und auch mehr Zeit.

Die Diskussion bestimmter Themen kann eine Stunde, eine Woche oder mehrere Jahre in Anspruch nehmen, bevor man gemeinsam eine zufriedenstellende Lösung findet.

– Jesper Juul

Das heißt nicht, dass jedes einzelne Gespräch nie zu Ende gehen kann. Doch Verbindung lässt sich nicht nach der Uhr stellen. Denn Verbindung entsteht im Dialog.

Diskussionen im Dialog sind wichtig und wertvoll und stärken die Beziehung

Je „hartnäckiger“ Kinder diskutieren oder je größer ihre Gefühle, desto wichtiger ist ihnen ihr Anliegen oder Bedürfnis und/oder sie sind daran interessiert, zu erfahren, was wir denken und wie wir ticken. So lernen sie uns und sich selbst kennen, erfahren sich im Gespräch und entwickeln eine Konfliktfähigkeit.

Auch wenn eine Diskussion Zeit in Anspruch nimmt, ist diese Zeit gut investiert. Diskussionen im Dialog sind wichtig und wertvoll und stärken die Beziehung zum Kind.

Entweder verbringen wir Zeit damit, die emotionalen Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, indem wir ihren Kelch mit Liebe füllen, oder wir verbringen Zeit damit, uns mit den Verhaltensweisen zu beschäftigen, die durch ihre unerfüllten Bedürfnisse verursacht werden.
So oder so verbringen wir die Zeit.

– Pam Leo

Damit schaffen wir die Basis für ein wertschätzendes und friedvolles Miteinander, für eine gesunde Streitkultur und für die Entwicklung einer konstruktiven Konfliktfähigkeit. Spätestens in der Pubertät kommt das in der Beziehung zum Kind und in seiner Entwicklung zum Tragen.

Wenn sie dazu Wertschätzung erfahren, dass sie gesehen, gehört und ernstgenommen werden, werden sie auch die Fähigkeit entwickeln, anderen Menschen Wertschätzung und Empathie entgegenzubringen.

Hier haben wir eine Chance, Vorbild zu sein. Diskussionen müssen nicht sinnlos oder endlos sein. Wenn wir Diskussionen mit Kindern nicht als Last sehen, sondern als Chance, miteinander in Kontakt zu sein und sich zu verbinden, ist das die beste Voraussetzung für eine starke Beziehung. So wird diskutieren mit Kindern zum Genuss.

Jetzt bin ich neugierig: Wie finden Diskussionen bei dir in der Familie statt? Wie löst Ihr Konflikte? Was sind deine Erfahrungen? Schreib mir gerne in die Kommentare!

Beitragsbild von Gelpi