Als ich zu Beginn des Jahres durch LinkedIn scrollte, blieb ich bei diesem Beitrag von Jolie Miller (engl.) stehen. Darin schreibt sie, was sie sich für den Arbeitsplatz im Jahr 2022 wünscht:

  • „Normalisierte Fernarbeit gegenüber der Rückkehr von Geschäftsreisen/ins Büro fahren
  • Führungskulturen, die unsere beste Arbeit unterstützen, statt Managementkulturen, die die Arbeit erschweren
  • Jede:r fühlt sich bei der Arbeit willkommen, gefeiert und gesehen, unabhängig vom Hintergrund, anstatt dass sich einige Menschen bei der Arbeit willkommen, gefeiert und gesehen fühlen, abhängig von ihrem Hintergrund
  • Unterstützung der psychischen Gesundheit und traumabewusstes Führen werden zu Kernkompetenzen und nicht zu „Einhorn“-Eigenschaften ausgewählter Chefs
  • Kulturen der Anerkennung und Wertschätzung statt Feedback-Kulturen
  • Annehmen, dass jede:r eine Menge mit sich herumträgt und sein Bestes tut, anstatt zwei Jahre nach der Pandemie aggressiver mit den Leuten umzugehen.“

Mir wurde klar, dass ich die gleichen Prioritäten auch in unseren Schulen und im Bildungswesen sehen möchte:

  • Flexible Lernmodelle und Anpassungen im Schul- und Bildungssystem schaffen und nachhaltig umsetzen.
  • Führungspersönlichkeiten im Bildungswesen, die anerkennen, was Kinder während der Pandemie bewältigt, geopfert und geleistet haben, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Kinder und ihr Wohlergehen hatte, und dies zur Priorität machen, anstatt nur verpasste Schultage und Lerndefizite zu sehen.
  • Alle Kinder mit ihren individuellen Bedürfnissen, Herkunft und Erfahrungen willkommen zu heißen, zu feiern und zu sehen, unabhängig davon, wie gut sie bei der Online-Schule mitmachen oder stapelweise Arbeitsblätter ausfüllen konnten.
  • Unterstützung für psychische Gesundheit und traumabewusste Führung als Selbstverständlichkeit und Priorität für jedes Kind und alle Pädagog:innen, die sie brauchen.
  • Bedingungslose Wertschätzung für jedes Kind und seinen individuellen Beitrag anstelle von bedingtem und in den meisten Fällen unaufgeforderter Bewertungen durch Noten, Bestrafungen, Belohnungen, Leistungs- und Verhaltenstabellen.
  • Die Annahme, dass alle Kinder viel mit sich herumtragen und ihr Bestes geben, statt sie zu drängen, unrealistische Erwartungen zu erfüllen, die ihre Erfahrungen von zwei Jahren Pandemie nicht berücksichtigen.

Es wird viel darüber gesprochen, wie die Pandemie unsere Arbeitswelt verändert hat und weiter verändern wird, wie wichtig es für Unternehmen ist, das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter in den Vordergrund zu stellen, neue Arbeitsmodelle und flexible Arbeitszeiten zum Standard zu machen, einen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt und Zugang zur Unterstützung für die psychische Gesundheit, zu bieten.

Immer mehr Unternehmen sehen die Vorteile in neuen, flexiblen Arbeitsmodellen, wie z. B. die 4-Tage-Woche, mit dem Ziel, sich an die Bedürfnisse der Mitarbeiter anzupassen, damit sie ihren Stress reduzieren, produktiver sein und ihr Arbeits- und Familienleben sinnvoll und erfüllend gestalten können.

Wir sollten uns die gleichen Gedanken im Schul- und Bildungsbereich machen.

Schule in ihrer Einheitsgröße ist nicht für alle gleich geeignet

Die Pandemie hat uns klar gemacht, dass die Schule in ihrer Einheitsgröße, ob in der Schule oder online zu Hause, nicht für alle gleich geeignet ist.

Die Schule in ihrer herkömmlichen Form kann weder den individuellen Bedürfnissen von Kindern und Familien noch ihren Erfahrungen in der Pandemie gerecht werden, die weiter das Macht- und Privilegiengefälle verstärkt hat.

Es gibt Kinder, die zu Hause ohne den Stress, den Druck und die Enge der Schule und der Standardlehrpläne aufblühen, lernen und eine für sie reiche und nachhaltige Bildung erfahren.

Die Schule ist für viele Kinder noch ein Ort, der die Ungleichheit, Diskriminierungen und Mikroaggressionen spiegelt, die in der Gesellschaft strukturell verankert sind. Ungleichheiten, die durch die Pandemie noch deutlicher zutage getreten sind.

Es gibt Kinder, die zur Schule gehen wollen, und auch Kinder, die den Schutz und Unterstützung von fürsorglichen und vertrauten Erwachsenen außerhalb des Elternhauses brauchen, sowie Eltern und Familien, die sich für ihre Arbeit, das Familienleben und ihre psychische Gesundheit auf die Ressourcen und Unterstützung von außerhäuslichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen verlassen.

Es gibt Kinder, die mit der Distanz, die Online-Schule schafft, besser zurechtkommen, sowie die, die ohne Zugang zu Geräten, gutem Internet, Ruhe und Unterstützung zu Hause gar nicht erst daran teilnehmen können.

Es gibt Kinder, für die das Sitzen am Bildschirm und das Ausfüllen von Arbeitsblättern die denkbar schlechteste Art ist, ihre Tage zu verbringen (da widerspreche ich nicht!), ganz zu schweigen davon, dass sie etwas Sinnvolles lernen, als einen Lernstandserhebungstest zu bestehen, an den sie sich in 10 Jahren nicht mehr erinnern werden

Es gibt Kinder, die Online-Schule zu Hause als eine Verletzung ihrer Privatsphäre empfinden.

Flexible Bildungsmodelle statt Schulanwesenheitspflicht

In ihrem Artikel „Wir brauchen keine Work-Life-Balance, sondern endlich flexible Arbeitsmodelle!“ schreibt Janine Tychsen, Community-Autorin bei Edition F:

Killer: Anwesenheitspflicht! […] Wären wir nicht glücklicher, wenn wir wählen könnten, wann wir, wo, wie arbeiten? Wären wir nicht sogar effizienter, loyaler, kreativer, ja ausgeglichener, wenn es keine täglichen Anwesenheitspflichten gäbe? […] Arbeitgeber könnten sich viel stärker nach den individuellen Bedürfnissen ihrer Arbeitnehmer richten, denn eben diese tragen ja ganz wesentlich zum Unternehmenserfolg bei. “

Ersetzen wir mal ‚arbeiten‘ durch ‚lernen‘, ‚Arbeitgeber‘ durch ‚Schule‘  und nehmen die Perspektive der acht Millionen Schüler:innen in Deutschland ein, die jeden Tag verpflichtet sind, im Schulgebäude anwesend zu sein – und die der Lehrer:innen, die jeden Tag vor einem Zwangspublikum stehen.

Vergessen wir auch nicht, dass es Arbeitnehmer:innen frei steht, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen und bei Burnout auch Unterstützung zu bekommen. Kinder können die Schule nicht kündigen und wenn sie Burnout haben, heißt es erstmal Verweigerung.

Die Schulanwesenheitspflicht legt den Grundstein für die Haltung von künftigen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen, die sich nur starre Arbeitsmodelle vorstellen können, die nicht den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden und die nicht in Frage stellen, ob es anders und dabei den Menschen auch besser gehen könnte. Die Covid-Pandemie hat gezeigt, wie dringend wir eine neue Haltung und grundsätzliche Anpassungen brauchen.

So schriebt Janine Tychsen weiter: „Mit mehr Flexibilität in Unternehmen würden die kreativen Geister wieder wacher agieren, die Ideenschmieden würden auf Hochtouren laufen und die Müdigkeit vergehen. Gerade in den heutigen Zeiten, die von digitaler Dynamik, Globalisierung und starkem Wettbewerb geprägt sind, muss sich der Arbeitsmarkt anpassen, sonst rennt uns die Zukunft davon. Die jungen Talente in all den Startups machen es uns vor – und das sehr erfolgreich. Sie setzen auf ihre eigene Arbeitskraft, mit der sie ganz allein haushalten.“

Ersetzen wir hier ‚Unternehmen‘ durch ‚Schule‘ und ‚Arbeitsmarkt‘ durch ‚Bildungswesen‘. Hier machen es uns Freilerner in Ländern ohne Schulpflicht, sowie alternative Schulen, die autonomes Lernen und selbstbestimmte Bildungswege in den Mittelpunkt stellen, vor.

Wohlbefinden vor Arbeitsblättern

Die Wissenschaft ist eindeutig: Reiches, nachhaltiges Lernen findet statt, wenn Kinder emotionale Sicherheit erfahren, wenn der Lernstoff für sie bedeutungsvoll und relevant ist und wenn ihre Bedürfnisse erfüllt werden, und zwar in einer Umgebung mit unterstützenden und fürsorglichen Erwachsenen, die die Bedürfnisse und Erfahrungen der Kinder über jeden Lehrplan stellen, ob in der Schule oder zu Hause.

Um die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf das Wohlergehen unserer Kinder auffangen zu können, müssen wir als Eltern in der Lage sein, Eltern und Bezugspersonen für unsere Kinder zu sein, ihr sicherer Hafen und emotionales Sicherheitsnetz, und nicht Lehrer bzw. Vollstrecker von staatlichen Lehrplänen.

Die in den Medien verbreiteten Botschaften, dass es nur auf den Lehrplan ankommt, auf das Nachholen verpasster Schultage, das Gerede über die Kürzung von Ferien bzw. über Wochenendschule, sind nur schädlich. Das Letzte, was Kinder nach fast zwei Jahren Leben mit Covid brauchen, sind noch mehr Schularbeiten, Druck und die Perspektive, dass sie im Leben versagen werden, weil ihnen während einer globalen Pandemie Schultage fehlen.

Kinder, Familien und Pädagog:innen brauchen Unterstützung und Ressourcen, um Kindern (und sich selbst) zu helfen, die Erlebnisse der letzten zwei Jahre psychisch zu verarbeiten, emotionale Sicherheit wiederzuerlangen, sowie konstruktive Wege, um Lernen und Bildung an ihre neue Realität und Erfahrungen anzupassen.

Adultismus im Umgang mit der Pandemie

Stattdessen hat der Umgang mit der Pandemie den Adultismus in unserer Gesellschaft offenbart und gezeigt, wie wenig die Gesellschaft Kinder schätzt.

Kinder sind auch Menschen. Kinder sind kein Mittel zur Herdenimmunität und müssen auch vor Covid geschützt werden (engl.), sie wollen nicht „in einer Covid-Petrischale lernen“ (engl.), die Zukunft der Wirtschaft sollte nicht davon abhängen, dass sie stapelweise Arbeitsblätter ausfüllen, sie sind keine Probleme, die gelöst werden müssen, noch sollte ihre Anwesenheit zu Hause eine Frage von Leben oder Tod sein oder das Ende der Karrieren der Eltern bedeuten.

Die Welt verändert sich, und anstatt Ängste zu schüren, überholte Vorstellungen aufrechtzuerhalten und zu erwarten, dass Kinder, Familien, Pädagog:innen und Schulen das Alte nachholen, wie wäre es mit neuen Bildungs- und Lernparadigmen, die dieser neuen Welt gerecht werden und die Zukunft unserer Kinder wirklich schützen, indem sie ihrem Wohlbefinden Vorrang vor Arbeitsblättern einräumen.

Welche Erfahrungen hast du mit Schule während der Pandemie gemacht? Hast du dein Kind bei Online-Schule unterstützt oder tust du es noch? Seid Ihr bereits Homeschooler oder Freilerner? Wie hat sich die Pandemie auf die Bildung und das Lernen deines Kindes ausgewirkt? Hat die Pandemie deine Einstellung zur Schule verändert?

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